Eine Podiumsdiskussion an der Universität Klagenfurt am 13. April 2026 rückte ein Thema in den Mittelpunkt, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Verbindung von Kunst und Gesundheit. Rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgten die Veranstaltung, die von der Pädagogischen Hochschule Kärnten, der Universität Klagenfurt und der Gustav Mahler Privatuniversität für Musik gemeinsam organisiert wurde. Sie war Teil des Erasmus+ Blended Intensive Programme „Music, Resilience, Mental Health and Social Transformation“, das vom 13. bis 17. April 2026 in Klagenfurt stattfand.
Unter dem Titel „The Agency of the Arts for Therapy & Resilience: Local and European Perspectives“ diskutierten internationale und regionale Expertinnen und Experten über die Rolle der Künste für Therapie und Resilienz. Die Moderation übernahm Univ. Prof. Dr. Eckehard Pistrick von der GMPU, am Podium vertreten waren Jill Halstead und Wolfgang Schmid (Universität Bergen), Gertraud Koschutnig (Psychiatrisches Therapiezentrum Kärnten), Daniel Wutti (PH Kärnten), Želiko Gruljović (Novi Sad) sowie Jasmin Donlić (Universität Klagenfurt).
Im Zentrum stand ein erweitertes Verständnis von Kunst. Sie wird nicht nur als ästhetische Praxis betrachtet, sondern auch als Form von Fürsorge, als Mittel zur Stabilisierung und als Raum für Verarbeitung. Nicht nur Musik und Klang, sondern auch Stille wurden dabei als zentrale Dimensionen thematisiert.
Wolfgang Schmid – dessen Vortrag den Titel „Silence and Silencing at the End of Live“ trug – berichtete von einem besonderen Erlebnis in einem Salzburger Hospiz. Gemeinsam mit einer Kollegin wurde er in den Kreis einer trauernden Familie eingeladen. In dieser sensiblen Situation habe sich gezeigt, wie sehr Musik im Zusammenspiel mit Stille die Atmosphäre verändern und neue Formen von Nähe, Ausdruck und Verarbeitung ermöglichen kann.
Im Anschluss sprach Gertraud Koschutnig, eine von nur zehn Musiktherapeutinnen in Kärnten. Sie stellte die Themen Einsamkeit und Beziehungspflege als zentrale Faktoren für Vitalität in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Zugleich berichtete sie über den „Free Space“ an der GMPU, eine Initiative, die sie gemeinsam mit Dieter Bucher ins Leben gerufen hat. Einmal pro Woche steht dieser Raum allen offen – unabhängig von musikalischer Erfahrung. Der Free Space versteht sich dabei zugleich als offener Begegnungsraum und als „Faith Space“, in dem gemeinsames Erleben, Zuhören und Ausdruck im Vordergrund stehen.
Einen regionalen Fokus setzte anschließend Daniel Wutti mit Blick auf die Kärntner Sloweninnen und Slowenen. Kulturelle Aktivitäten fungieren hier als Form von Community Building und tragen wesentlich dazu bei, Identität und Zusammenhalt zu stärken. Besonders die hohe kulturelle Aktivität der jüngsten Generation wurde hervorgehoben – sie leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass die slowenische Sprache im Alltag lebendig bleibt.
Im Anschluss verwies Želiko Gruljović auf die Situation in Serbien, wo die bewusste Verweigerung von Ausstellungen oder Konzerten durch Künstlerinnen und Künstler als Form des politischen Protests eingesetzt wird. Stille wird damit selbst zum Ausdruck – als Haltung, als Widerstand und als gesellschaftliches Signal.
Den Abschluss bildete Jill Halstead mit einem Blick auf die Themen Alter und Behinderung. Sie verwies auf die strukturellen Dimensionen von Einsamkeit und nannte konkrete Zahlen: In Großbritannien gelten rund eine Million Menschen über 75 Jahre als einsam, in Norwegen etwa 700.000. Halstead schilderte zudem eine eindrückliche Episode aus einer musiktherapeutischen Arbeit mit älteren Menschen und Tänzern, in der sich neue Formen von Ausdruck und Teilhabe eröffneten. Aus ihrer Sicht geht es dabei auch um ein grundlegendes Recht – das Recht, Klang zu erzeugen und gehört zu werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein neuer Bericht der Europäischen Union zusätzliche Relevanz. Der im Jänner 2026 in Wien vorgestellte Bericht „Culture and Health: Time to Act“ markiert einen deutlichen Perspektivwechsel: Kulturelle Teilhabe wird nicht länger nur als gesellschaftlicher Mehrwert verstanden, sondern als evidenzbasierter Gesundheitsfaktor anerkannt, vergleichbar mit Bewegung oder gesunder Ernährung.
Der Bericht bündelt internationale wissenschaftliche Erkenntnisse und Praxisbeispiele aus mehreren EU-Ländern. Demnach kann die regelmäßige Teilnahme an kulturellen Aktivitäten Stress reduzieren sowie Angst und depressive Symptome lindern. 87 Prozent der Befragten im Eurobarometer geben an, dass kulturelle Teilhabe ihr Wohlbefinden verbessert. Auch wirtschaftlich zeigt sich ein klarer Effekt: Eine britische Studie weist einen Return on Investment von 1:9 aus – pro investiertem Euro entstehen neun Euro gesellschaftlicher Nutzen.
In Österreich liefern Pilotprojekte im Bereich Social Prescribing bereits messbare Ergebnisse. Vor dem Hintergrund wachsender Herausforderungen wie Einsamkeit, demografischem Wandel und steigenden Kosten im Bereich der mentalen Gesundheit werden Kulturangebote damit zunehmend als integraler Bestandteil eines erweiterten Gesundheitsverständnisses gesehen.